Am 17.06.2002
verstarb Fritz Walter im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Alsenborn
.
Fritz Walters bescheidene Art, seine Heimatverbundenheit und seine Liebe zum 1. FC Kaiserslautern haben ihn zu einem Idol des Fußballs werden lassen. In seiner langen sportlichen Karriere wurde er zum Vorbild für fußballerisches Genie, für Fairness und persönliche Bescheidenheit.

Er bestritt sein erstes Länderspiel im Alter von 19 Jahren. Die großen und spektakulären Erfolge des Pfälzers stammen aus der Nachkriegszeit - überragt vom 4. Juli 1954 im Wankdorfstadion von Bern, als Fritz Walter nach dem legendären 3:2-Sieg der Nationalmannschaft im Finale der Weltmeisterschaft gegen den damals haushohen Favoriten Ungarn den Jules-Rimet-Pokal in Händen hielt. Dieser Sieg gilt in der Geschichte der Bundesrepublik als Signal für Aufbruch und Wiederanerkennung. Als Fritz Walter am 24. Juni 1958 nach der 1:3-Niederlage im WM-Halbfinale gegen Schweden seine internationale Laufbahn beendete, konnte der Ehrenspielführer der Deutschen Nationalmannschaft 61 Länderspiele mit 33 Toren für sich verbuchen.
Fünf Mal zwischen 1948 und 1955 standen die "Roten Teufel vom Betzenberg", die in den 50er Jahren in der Öffentlichkeit den ehrenden Namen "Walter-Elf" erhielten, im deutschen Endspiel, das sie unter der Führung von Fritz Walter 1951 und 1953 gewinnen konnten. Für seinen Verein, dessen Stadion auf dem Betzenberg seit 1985 seinen Namen trägt, bestritt er 379 Meisterschafts-Spiele und erzielte 306 Tore.



Als Dreh- und Angelpunkt des Nationalteams erntete er weltweite Anerkennung. Der stets bescheidene Mann, der lukrative Angebote aus Frankreich und Spanien ausgeschlagen hatte, engagierte sich über viele Jahre als Repräsentant der Sepp-Herberger-Stiftung und kümmerte sich dabei besonders um die Resozialisierung jugendlicher Straftäter. 1998 legte er diese Aufgabe aus gesundheitlichen Gründen in die Hände seines einstigen Mannschaftskollegen Horst Eckel.
Aber auch in Alsenborn, seinem Heimatort seit 1966, wusste Fritz Walter Geschichte zu machen. Maßgeblich war er als Trainer und Berater am grandiosen Aufstieg des Fußballvereins SV Alsenborn beteiligt, den er von der B-Klasse in die Regionalliga führte. Mit dem ruhmreichen Ansehen und dem daraus resultierenden Einfluss von Fritz Walter gelang es dem Verein immer wieder, neue Spieler zu engagieren. In den Jahren 1968 bis 1970 wurde der SV Alsenborn Meister in der Regionalliga und scheiterte in den sich anschließenden Aufstiegsspielen immer nur knapp am Aufstieg in die Bundesliga.

Fritz Walter, Ehrenbürger des Landes Rheinland-Pfalz und der Stadt Kaiserslautern, wurden zahlreiche bedeutende Ehrungen zuteil, so u. a. das silberne Lorbeerblatt, das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens und das Bundesverdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland sowie des Verdienstordens des Fußball-Weltverbandes FIFA.
Wegen gesundheitlicher Probleme hatte Fritz Walter die Spiele "seines" 1. FC Kaiserslautern zuletzt oft gemieden. Seine Ehefrau Italia, mit der er 53 Jahre lang verheiratet gewesen war, verstarb im Dezember des vergangenen Jahres.
Ganz Deutschland und vor allem ganz Alsenborn trauert um den wohl populärsten deutschen Sportler der Nachkriegsjahre, der auch viele Jahre nach seiner aktiven Laufbahn bei Jung und Alt gleichermaßen beliebt war.

Besondere
Erinnerungen an Fritz Walter nach der Trauerfeier
"Als seine Italia
starb, ist auch er gestorben"
Nach der Trauerfeier für Fritz Walter drängten die Ehrengäste in den
Restaurantbereich. Sie standen oder saßen in Gruppen und Grüppchen beisammen.
Sie hingen noch einmal in ihren ganz eigenen Gedanken dem Menschen nach, an den
jeder eine spezielle Erinnerung heraus kramen kann.
Still und bescheiden und mit verweinten Augen kam sich dazwischen Renate Kehl
wie verloren vor. Länger als vier Jahrzehnte war sie die rechte Hand und
Vertraute, aber auch das Schutzschild des Ehepaars Walter: "Im September
wollten wir gemeinsam mein 45. Arbeitsjubiläum feiern. Diese Trauerfeier heute
hat mich tief bewegt. Aber was hätte Fritz Walter dazu gesagt? - Macht doch net
so viel Theater um mich, es gibt doch auch noch annere Leut'." Renate Kehl
kannte ihren bescheidenen Chef. Und ganz leise fügte sie noch an: "Als
seine Italia starb, ist auch er gestorben."
Mit bedrückten Gesichtern zogen die wenigen noch übrig gebliebenen ehemaligen
"Roten Teufel" der "Walter-Elf" an ihrem Bier. Willi Hölz,
Bernhard Fuchs, Helmut Rasch, Erwin Scheffler und "Benjamin" Werner
Mangold hingen ihren Gedanken nach. Scheffler drückte aus, was sie alle unbewusst
empfanden: "Die Feier hat uns nachdenklich gemacht - wir spüren immer
stärker, wie schön diese Zeit damals war. Wir haben unserem Kaiser viel zu
verdanken." Zufällig lief in diesem Moment Uwe Seeler vorbei - und
blitzartig kam die Erinnerung, dass auch "uns Uwe" sein erstes
Länderspiel indirekt Fritz Walter zu verdanken hatte. Drei Monate nach dem
Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 litt Fritz Walter damals an einer
geheimnisvollen Gelbsucht, konnte im ersten Heimspiel der Nationalelf in
Hannover gegen Frankreich nicht spielen. Auch Rahn, Schäfer und Morlock fielen
aus. Herberger suchte Ersatz - und erstmals berief er die beiden Hamburger
Jungs, Klaus Stürmer (19 ) und Uwe Seeler (noch nicht ganz 18), ins Aufgebot.
Beide kamen zum Einsatz, für "uns Uwe" Start einer großen, internationalen
Karriere - und einer lebenslangen Freundschaft zu Fritz.
Eine lange Freundschaft gibt es auch zu den ehemaligen ungarischen
Endspiel-Gegnern, von denen drei noch leben und zwei bei der Trauerfeier dabei
waren: Torhüter Gyula Grosics und Abwehrrecke Jenö Budzanski. Der Dritte, Major
und Kapitän Ferenc Puskas, ist schwer erkrankt. Die Magyaren haben jahrelang
die damalige Niederlage nicht verwinden können. Das Verhältnis aber wandelte
sich in Freundschaft - und auch daran war Fritz Walter entscheidend beteiligt.
Auch dank der Mithilfe eines ehemaligen Gegners, des zweifachen FCK-Trainers
Gyula Lorant.
Sie nannten den knorrigen Abwehrspieler "ungarischer Feldwebel" -
völlig falsch! Lorant war hochintelligent, gebildet, ein Genießer erlesener
Getränke und Speisen, vor allem ein Freund der Künste. Und genau auf diesem
Gebiet - und natürlich Fußball - kamen sich der Fritz und Gyula sehr nahe.
Fritz, der Kenner impressionistischer Malerei und geschätztes Mitglied des
Pfälzer Kunstvereins, und Gyula, der als Sammler antiker Möbel ein Vermögen
ausgab, beschlossen "Versöhnung" - und erreichten schon sehr bald die
ersten gegenseitigen Besuche. Sie sind heute feste Bestandteile der
Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und dem ungarischen Komerat.
Drüben, auf der Gegentribüne, saß während der Trauerfeier der Mainzer Professor
Norbert Müller mit seiner Familie. Der aus Speyer stammende, weltweit
anerkannte und mit der höchsten Auszeichnung des Internationalen Olympischen
Komitees, der "Pierre Baron de Coubertin"-Medaille, ausgezeichnete
Sportwissenschaftler, sammelte weiteren Lehrstoff. Am heutigen Montag hält er
vor Studenten in Mainz eine zweistündige Vorlesung über Fritz Walter.
Norbert Müller, der ehemalige Zehnkämpfer, verwirklicht damit eine Art
Forderung, die mir auf dem Weg zum Parkplatz ein unbekannter Gast der
Trauerfeier unterbreitete: "Fritz Walter war ein Vorbild, seine Werte
müssten der Jugend vermittelt werden." Oder, wie es Georg Adolf Schnarr,
der Präsident des Südwestdeutschen Fußballverbandes, in einer Würdigung im
Verbandsorgan formulierte: "Fritz Walter müsste in der Schule gelehrt
werden."
Von Heiner Breyer